Dieter

Dieter ist ebenfalls ein Mann der ersten Stunde – hier die Zusammenfassung eine Gesprächs aus dem März 2019 :

Dieters Familie kommt väterlicherseits aus Westpreußen, aus der Gegend um Königsberg – sein Vater war dort Landarbeiter. In den 40iger Jahren meldete er sich freiwillig  zum Militärdienst und kam zur Grundausbildung ins Bergische Land und blieb auch nach dem Krieg dort. Er lernte dort Dieters Mutter kennen, eine Familie wurde gegründet und man lebte auf dem Lande in dörflichem Umfeld – jedoch ohne rechte Affinität zum Landleben. 1948 wurde Dieter geboren, später kamen noch ein Bruder und eine Schwester nach.  Die Schulzeit verbrachte Dieter auf dem Land bis zum Abitur 1968. 

In der Zeit von 69 bis 75 studierte er Soziologie in Frankfurt – natürlich wegen Adorno, der kritischen Theorie,  der Frankfurter Schule. Und natürlich begleitete er das Studium mit starkem politisches Engagement (damals im KBW) und führte ein Leben in WGs mit politischem Anspruch und mit Straßenkampf.  Seine Frau lernte er 1970 kennen. 1976 kam dann das erste Kind – im Kreise seiner Mitstreiter damals eher als bürgerlich abqualifiziert. Übrigens kam er über den Kindergarten in Kontakt mit Gottfried, einem weiteren späteren Solawi-Mitstreiter, dessen Tochter im gleichen Alter war.  Das Leben und Wohnen spielte sich damals in Frankfurt-Bornheim/Bergerstr ab. Dort wurde auch die Idee eines gemeinschaftlichen Wohnprojektes  auf dem Lande entwickelt. 3 Familien, Dieter und Familie, Gottfried mit Frau und  Kind und ein weiteres Paar bezogen 1983 ein Haus in der Wetterau, in Florstadt Stammheim.  Die Gruppe erodierte nach einiger Zeit und so kam es 1999 zum Umzug nach Friedberg in ein Haus in der Altstadt.

„Wir haben das Projekt ‚Gemeinsam Wohnen’ aber nie aufgegeben – man muss das wollen, aber auch können.“ Dieter und seine Frau sind Teil des Projektes Kulturcampus in Frankfurt.  Wie er sagt, werden ab 2020/21 auf dem Gelände der alten Universität in Bockenheim unter anderem  Wohnhäuser für 6 große Wohngruppen gebaut. Die Wohngruppen sollten aus 20 bis 40 Leute bestehen – man findet sich zusammen in alters- und sozialgemischten Gruppen. Baulich bedeutet das kleine Wohnungen, große Gemeinschaftsräume – das Konzept beinhaltet aus seiner Sicht die überwiegende Nutzung der Gemeinschaftsräume. Die Einteilung der Wohnungen ist flexibel, man spricht von Clustern, also WG-Zimmern die zu kleinen Wohnungen  zusammengefasst werden können oder auch andersherum. Die Gruppe in Frankfurt ist sehr stabil und das Projekt wird, davon ist er überzeugt, ein Erfolg werden. Nebenbei: „Der Versuch, so etwas in FB aufzuziehen ist leider nicht gelungen. Wir haben zwar zunächst die Genossenschaft ‚Gemeinschaftlich wohnen Friedberg’ gegründet, aber die Stadt ließ uns nicht richtig zum Zuge kommen. Die Genossenschaft gibt es zwar noch, hat auch am Steinernen Kreuz gebaut – es sind aber nur noch ein paar Leute und für mich nicht mehr interessant.“

Ein kurzer Blick auf berufliche und familiäre Dinge: Als Student finanzierte sich Dieter über Bafög und hatte daneben Jobs als wissenschaftlicher Mitarbeiter/Tutor. Eine in finanzieller Hinsicht sorgenfreie Zeit. Nach dem Studium gab es keine Stellen im Hochschulbereich. Also ging er zu Siemens Nixdorf und hat dort eine Ausbildung in Systemanalyse gemacht,  danach wechselte er relativ schnell in den Kundenbereich – ins Marketing.  Er war dort für das Opel-Projekt zuständig, Verhandlungen mit Generell Motors und mit Brüssel. 1990 kam die Firmenübernahme durch Siemens und 1992 war dann mehr oder weniger die gesamte Verkaufsmannschaft nicht mehr existent – das war für Ihn der Anlass zu einer Neuorientierung. Ab 1993 beschäftigte er sich mit erneuerbaren Energien, mal selbständig mal angestellt – Alles in Allem eine gute Zeit, nur teilweise leider schlecht bezahlt!  Die Familie hatte aber durch Brigitte,  Pädagogin und Fachbereichsleiterin bei der VHS, später direkt beim Wetteraukreis immer die nötige Sicherheit. Die beiden Töchter, 1976 und 1978 geboren, haben beide promoviert Helen arbeitet bei Accenture, Johanna an der TU Berlin. Seit 2013 sind Dieter und Brigitte in Rente.

Neben dem Beruflichen war Dieter, wie wir ja schon gesehen haben, politisch engagiert. Die K-Phase ging  bis 83. Dann erfolgte eine Umorientierung: 1985 wurde er Mitlgied bei den Grünen in Florstadt. Anfang der 90iger wurde er Mitglied im Kreisparlament, aber ohne großes Interesse dafür. 1999 erfolgte der Austritt wg. Fischers Zustimmung zur Beteiligung am militärischen Kosovo Engagement. Seit 2 Jahren engagiert er sich nun in der Bürgerbewegung „Wir“ – gemeinsam mit Horst Weizel. Daneben gibt es eine weitreichende zivilgesellschaftliche Betätigung – Wohnprojekt , Solawi, Ernährungsrat, BürgerAG Frankfurt (Aufkauf von Boden/Ackerland um ihn zu erhalten), Wetterau im Wandel sind wohl die Wichtigen.

Das treibende Prinzip für Dieters Engagement ist grundsätzlicher Art. Begründet sicherlich im Studium in Frankfurt  – Adorno, Frankfurter Schule, Habermas. Die Gesellschaftsanalyse und –kritik, das Erreichen von gesellschaftlichen Veränderungen wurde gerade damals mit viel Energie betrieben. Dazu kam relativ früh eine Naturnähe, die auch andere Erfahrungen und Gesetzmäßigkeiten mit einbezieht. Ein Beispiel: es ist für ihn keine Esotherik sondern Gesetz, dass Pflanzung und Ernte gemäß der Mondphasen bessere Erträge erzielt oder Wäsche sauberer wird, wenn sie bei Vollmond gewaschen wird.

Eine wichtige Erkenntnis für ihn war die Einsicht, dass wir unsere Erde immer mehr ausbeuten. Damit kam auch eine gewisse  Hinwendung zu chinesischen Philosophen – Konfuzius und Laotse und zu deren völlig anderer Denkweise: „Du bist als Individuum Teil eines Ganzen oder Staatswesen, das so organisiert werden sollte, dass es dem Ganzen am Besten geht.  Weg vom Kapitalismus in eine neue Form des gesellschaftlichen Gemeinsamen. Mich interessiert die Entwicklungsseite, die Frage nach Herrschaft und auch die Frage nach den Individualinteressen im Rahmen eines Ganzen. Das Ganze zum Wohle des Einzelnen und umgekehrt. Für mich ist das eigentlich das ganze Geheimnis: Im Grunde wollen wir ja alle eigentlich das Gute. Es ist meine Überzeugung, dass der Mensch von Natur aus nicht böse ist sondern gut. Aber wie diese gute Seite in eine Gemeinschaft einbringen zum Wohle des Ganzen? Das ist die eigentliche Frage.  Und nebenbei: diese Frage ist zum Beispiel bei der Politik der Grünen mittlerweile völlig aus den Blick geraten.“

Nun sagt Dieter, seine Lebensauffassung lässt sich nicht mit ein paar Thesen einfach erläutern und als Empfehlung an andere weitergeben – aber eine Annäherung könnte zum Beispiel auf individueller Ebene der Buddhismus sein. „Du kannst da mit Dir im Reinen sein und dabei niemandem etwas zu Leide tun. Ich kenne einige Buddhisten, die so leben – das ist für mich akzeptabel, lässt aber zu viel Raum für die Fehlentwicklungen dieser Welt. Der Kapitalismus lässt sich nicht durch den Buddhismus überwinden. Aber auch der gesellschaftliche Wandel durch Revolution ist für mich nicht mehr der Weg. Die Debatte die wir führen müssen ist, wie durch Evolution eine Veränderung erreicht werden kann. Wenn Du in Dir spürst, was es bedeutet  einen anderen Menschen zu fühlen und zu verstehen, dann bist Du schon ganz nah dran – dann bist Du schon ein ‚zoon politikon’ , ein politisches und gesellschaftliches Wesen. Damit ist man aber noch nicht strukturiert,  dazu musst Du andere Menschen mit ähnlicher Auffassung finden und ich sehe die Möglichkeit dazu in bestimmten Kreisen oder Organisationsstrukturen. Dazu gehört ‚Wetterau im Wandel’,  ‚Solawi’ und  dazu gehört dann auch die politische Arbeit in kleineren Bereichen. Ich bin zum Beispiel Mitglied in einer solchen Organisation: Wir nennen uns ‚WIR’. Da haben wir in der Tat politische Ziele definiert – in Bezug auf Wohnen, auf gesellschaftliche Aktivitäten und Veränderungen zum Wohle aller – runtergebrochen bis auf die kommunale Ebene: Was müssen wir tun, damit diese Stadt gute Impulse bekommt. Aber wichtiger noch ist die Mitarbeit in den kleinen Bereichen jenseits der Parteipolitik. Zum Beispiel so etwas wie ‚Aufstehen’ – das finde ich gut und richtig, obwohl ich da noch nicht Mitglied bin.“

Zu seinen ganz persönlichen Überzeugungen sagt Dieter: „Wir haben in dieser Welt keinen anderen Auftrag, als das Leben zu Leben, und zwar in einer Struktur in der sich alle wohlfühlen können. Das aber ist im Kapitalismus nicht möglich. Die Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft hat als einzelnes Individuum nicht die freie Entscheidung etwas zu ändern. Eine Änderung ist am ehesten über die Mitarbeit in strukturierten und organisierten Bewegungen, die nicht nach Profit streben, möglich. Profitorientierung macht letztlich aus einem guten Vorsatz einem Fehler – wir wollen mehr und bessere Lebensmittel und bekommen Glyphosat! Wir müssen also in kleinen Schritten, evolutionär und mit Bewusstsein für die Risiken und mögliche Fehler Veränderungen angehen. Die technischen Änderungen geben uns im Moment zu viele Möglichkeiten, wir können das alles so schnell nicht durchschauen und dabei hätten wir doch Zeit! Wir schicken die Daten mit Lichtgeschwindigkeit um die Welt, sind aber noch nicht in der Lage, das wirklich nachzuvollziehen und nachzufühlen. Wenn wir Menschen nur unser Mitmenschlichkeit und unseren Gefühlen vertrauen könnten, dann wäre ein großes Stück gewonnen.“

Und zum Schluß noch die Frage: Wie kamst Du zur Solawi?

„Meine Frau und ich sind ökologisch orientiert und haben uns schon früh biologisch ernährt. Das gemeinsame Joggen mit Gottfried war auch immer ein Infoaustausch. Er erzählte dabei von einem Vortrag über Solawi im Rahmen seines Umsonstladen Projektes. Mir war sofort klar, dass dies der richtige Weg war, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels. Es kam dann schnell zur Gründung eines Orgakreises – Peter, Gottfried, Christian und ich.  Das Ausscheiden von Gottfried ist bedauerlich.“ Aber es geht weiter!