Gottfried

Gottfried war lange Zeit das Gesicht der Solawi und auch der Motor des Projektes. Mit seiner Freundlichkeit, seinen Aktivitäten, seinem Organisationstalent und seiner Zielstrebigkeit hat er die Solawi wesentlich geprägt. Da liegt es nahe, mal etwas genauer hinzuschauen oder hinzuhören.

Im folgenden also die Zusammenfassung eines Gesprächs mit Gottfried in Friedberg im Frühjahr 2019 :

Ungewöhnlich ist zunächst mal der Name – nicht Gottfried, sondern Krutzki. Die Familie stammt ursprünglich aus den Tiefen des polnischen Ostens – Förster und Handwerker waren sie. Mit der preußischen Eroberung verstreute sich die Familie in der Welt von Ostpreußen bis nach Havanna – Gottfrieds Zweig der Familie lebte am Stadtrand von  Berlin. Großvater Krutzki war Beamter, sein Vater Architekt. Und genauso wie er war seine Mutter in der damaligen Naturbewegung aktiv. Sie war Tochter eines Gärtners – wie man sieht ist der Bezug zur Solawi quasi genetisch angelegt. 1944 geboren ist Gottfried in dieser Gärtnerei groß geworden und in der DDR zur Schule gegangen. Als er 12 Jahre alt war, wurde sein Mutter inhaftiert und Gottfried floh mit seinen Großeltern in den Westen. Durch mehrere Flüchtlingslager gehend, wurde er schließlich 1958 in Heidelberg sesshaft – zusammen mit seiner 75 jährigen Großmutter und seinem spastisch gelähmten Bruder. Keine einfache Kindheit. Nach dem Abitur – für die Schule hatte er rückblickend ambivalente Gefühle – begann er ein Jurastudium. Erst in Heidelberg, dann einige Semester in München, dann wieder Heidelberg, eigentlich ein idealtypischer 68iger: Wohngemeinschaften als politisches Statement, Studium Jura, einige Semester Pädagogik, Beschäftigung mit Philosophie (‚Frankfurter Schule‘ Horkheimer, Habermas etc.), Doktorandenstelle.

Nach Abschluss des Studiums brachte ihn ein Lehrauftrag nach Frankfurt. Dort gründete er mit anderen Anwälten gemeinsam ein „linkes“ Anwaltsbüro. Er spezialisierte sich im Laufe der Zeit aufs Arbeits- und Sozialrecht. In die Wetterau (Florstadt-Stammheim) kam er schon 1985, um gemeinsam mit zwei anderen  Familien ein  Projekt gemeinschaftlichen Wohnens zu verwirklichen. Nach Friedberg kam er 1995.  Bis 2014 führte er seine Frankfurter Anwaltskanzlei. Mit dem Ruhestand kam  der Startschuss zu seinen Friedberger Aktivitäten. Parteipolitisch abstinent – mit Sympathie für die Grünen – ist er vor allem sozialpolitisch und mittlerweile auch christlich engagiert. Er war und ist in Friedberg weiter als Sozialanwalt tätig, gibt Rechtsberatung für Bedürftige und hat sich in der Flüchtlingsbetreuung engagiert. Besonders erfolgreich unter seinen Aktivitäten ist seine Mitarbeit beim  ‚Umsonstladen‘ Projekt in Friedberg, welches  2015 ins Leben gerufen wurde. Der Laden ist mittlerweile etabliert und genießt allgemeine Wertschätzung. Als Vertreter des Umsonstladens ist er auch beim Netzwerk „Wetterau im Wandel“ mit dabei.

Und natürlich das Solawi-Projekt. Keimzelle des Gedankens war das Umsonstladen-Team. Monika Lux berichtete über ein entsprechendes Projekt in Neunkirchen (Braunfels-Wetzlar) und organisierte im Oktober 2015 den Vortrag von Simone Ott. Gemeinsam mit Dieter Fitsch hörte er sich deren Vortrag an und war schnell von dem Konzept überzeugt. Zwei Landwirte waren auch dabei, einer davon war Holger Pabst.

Dann gab es eine Gründungsversammlung und es ging alles relativ schnell. Gottfried bildete  zusammen mit Dieter Fitsch, Peter Raupp und Christian Sperling  die Kerngruppe der  ersten Stunde.  Gottfried  widmete sich von Anfang an dem Solawi-Acker. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er in den Solawi-Kulturen  Disteln wachsen sah. Viel Zeit ist in die Kommunikation, die Treffen mit Holger und Gerrit, Vorbereitungsteam, Plenum etc. geflossen.

Zusätzlich die Sonderaktionen, z.B. Wasserschlauch. Die Genehmigung für die Schlauchleitung  wurde zunächst abgelehnt, und es musste viel getan werden, damit die Schlauchleitung überhaupt legalisiert wird. Erst das Treffen mit dem Leiter der Abteilung brachte den Durchbruch und die Genehmigung.

Im Jahr 2018 hat Gottfried sich dann, nach für ihn frustrierenden Erfahrungen, aus der aktiven Organisationsarbeit zurückgezogen. Hier noch einige Einschätzungen.

Was verbessert werden sollte:

Wesentlich für ihn war/ist der Umgang mit Misserfolgen und Fehlern. Es geht nicht darum, dass Fehler passieren, das ist normal und nicht zu vermeiden. Vielmehr müssen Lehren daraus gezogen werden und das entsprechende Verhalten muss anpasst werden. Gottfried leidet als Gärtnerkind, wenn die Pflanzen nicht „in ihrer Not wahrgenommen werden“. Die gärtnerische Betreuung war häufig nicht so, wie es wünschenswert wäre und er empfand sich in dieser Hinsicht oft als einsamer Rufer in der Wüste. Zu den Plänen, einen Verein zu gründen:

Das bedeutet viel mehr Arbeit, vieles muss verrechtlicht und formalisiert werden. Und wahrscheinlich bedeutet dies auch finanziell einen ordentlichen Mehraufwand, z.B. muß der Verein Steuererklärungen abgeben etc. Eventuell ist der Verein jedoch auch identitätsstiftend.

Besonders gut gelaufen:

Hervorzuheben ist die Vermittlung des Solawi Konzeptes in der Öffentlichkeit. Für Gottfried hat dies die Entfaltung der Solawi in den ersten Jahren ermöglicht. Es gibt eine sehr erfrischende alternative Einstellung zum Konsum, zum Erzeugen von Lebensmitteln und die Überwindung der Entfremdung zwischen Verbraucher und Erzeuger. Das hat etwas Faszinierendes.

Worauf zu achten ist:

Meinungsvielfalt und verschiedene Auffassungen sind nicht immer leicht zu akzeptieren, es braucht Menschen, die die daraus entstehenden Spannungen und Unterschiedlichkeiten ertragen und abfedern – pragmatisch aber auch visionär.

Fazit:

In einer ansonsten trostlosen erscheinenden Landwirtschaft ist die Solawi ein absoluter Lichtblick. Sie geht durch ihre konsequente Regionalität und sinnliche Erfahrung der Bodenfruchtbarkeit über normale Bioangebote deutlich hinaus. Außerdem schafft sie eine Gemeinschaftserfahrung in einer Welt zunehmender Individualisierung.